Persönlicher Abschiedsbrief
 
Lieber Thorsten -
wir sind beide moderne Menschen. Und deswegen haben wir wenig Zeit. Dafür aber Computer und Chatprogramme - und so haben wir in den letzten Jahren seit unserer ersten Begegnung beim Training viel gechattet. Das ist nicht so persönlich wie ein Treffen und auch nicht vergleichbar mit einem Telefonat. Aber: Die Chatprogramme protokollieren, was man sich gegenseitig tippt, und so habe ich die Gelegenheit gehabt, die letzten Tage durch das zu stöbern, was wir uns alles so erzählt haben.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Das war eine ganze Menge, und es war auch eine ziemlich lange Zeit. Gerade eben habe ich mit Thomas Wollscheid überlegt, ob wir uns eigentlich schon 2000 beim WT-/Karate-Cross Over kennengelernt haben oder erst 2002 auf Sylt. Auf jeden Fall haben wir dort immer wieder festgestellt, wie total verrückt es ist, dass wir uns nur an der Nordsee treffen, wo zwischen Overath und Aachen doch nicht mehr als eine Stunde Autofahrt liegt.
 
Wie gut, dass wir es vor zwei Wochen hinbekommen haben. Sascha und ich sind endlich einfach losgefahren. Wer hätte an diesem Abend gedacht, dass es unser letztes Treffen sein würde? Noch beim Eis vor dem Training haben wir beschlossen, viel mehr miteinander zu machen in Zukunft. Große Pläne haben wir geschmiedet, uns darüber unterhalten, dass der Bodenkampf doch wichtig ist und die Jujutsuka uns zwar auf die Nerven gehen mit ihren doofen Turnübungen im Training... aber irgendwie sollten wir doch ein Rad schlagen können, oder?
 
Zu meiner Freundin habe ich an diesem
Abend gesagt, dass es ein tolles Training
war - und ein noch tolleres Gespräch
vorher. Und dass wir das schnell
wiederholen, denn nicht nur im Training
habe ich mich bei Euch beiden
wohlgefühlt, bei Ira und Dir. Wie schön,
dass Ihr nach Köln ziehen werdet, und
wie schön, dass wir dann gemeinsam
beim Radschlagen im Ju Jutsu Do-
Training scheitern können. Und wie schön, dass ich neben Dir mit Deinen über zwei Metern Körpergröße dabei dann kaum auffalle.
 
In meinem Emailprogramm liegt eine unfertige Email an Dich, denn noch einen Tag vor Deinem leider so schrecklich endgültigen Abschied haben wir den Trainingsplan für Himmelfahrt 2008 besprochen. Wie versprochen, habe ich ihn korrigiert. Aus dem "Saufen" am Samstagabend habe ich das Wort "Party" gemacht. Ist doch seriöser! Und ein paar mehr Pausen wollte ich einschieben. Mit Deinem Trainingsfleiß konnte ich nicht so ganz mithalten. Sonst fand ich das alles total gut. Wann findet man schon mal jemanden, der so auf einer Wellenlänge schwimmt?
 
Im Chat habe ich Dir angekündigt, dass ich bei jedem Lehrgang in Zukunft die Tatsache breittreten werde, dass Du Deine Hose vergessen hattest an dem Mittwoch in Aachen. Schließlich braucht man einen Running Gag! Noch in zehn Jahren werden wir darüber lachen, haben wir gewitzelt. Und Du meintest so absolut untreffend: "Mit irgendetwas muss man ja in Erinnerung bleiben." Als hätte es DA nicht genug andere Dinge gegeben!
 
Worüber haben wir noch gechattet in den vergangenen Jahren? Karate, klar. Aber wir haben auch den Klimawandel, die Kernenergie, Deine und meine Chinareise, das Schicksal des Maschinenbaustudenten (vieeeel Arbeit), persönliche Finanzsituationen und natürlich zwischenmenschliche Beziehungen besprochen. Frauen auch (natürlich). Ich fand es irgendwie ungeschickt, auf eine Reise auf die andere Seite der Welt zu gehen - und kurz vorher eine neue Beziehung zu starten. Wer weiß, wer einem dort begegnet, in China? Nur gab es da gar keine Frage für Dich. Ira war´s. Was besseres gab´s nicht auf dem Globus.
 
Mit ihr habe ich nicht gechattet. Sie hat angerufen, um mir zu sagen, dass Du gestorben bist. Ich habe kein Protokoll von diesem Gespräch, aber ich werde es trotzdem niemals vergessen.
 
Unser beider letzter Chat endete so:
Wikinger (das warst Du): "Wir gehen uns jetzt hauen."
Gooregan (das bin ich): "Ich sollte auch noch ein bisschen was tun. Viel Spaß Euch."
Wikinger: "Danke, und Dir auch! Bis die Tage, sind ja eh immer online ;-)"
 
Das hat nicht ganz geklappt. Wir müssen uns wohl woanders treffen in Zukunft. Wer weiß, was nach dem Leben kommt - jetzt bist Du dahin vorangegangen. Viel zu früh, wie ich finde. Aber irgendwann komme auch ich nach. Und DANN üben wir das Radschlagen.
 
Heero
 
 
 
 
... an Thorsten Heyer